Schöpfung der sichtbaren Welt

Schöpfung der sichtbaren Welt

“Ein Teil des Avestas”

In sechs Zeitfolgen schuf Ormuzd die sichtbare Welt, Himmel und Erde, und die Amschaspands waren daran beteiligt.

1) Zuerst schuf Ormuzd das Licht zwischen Himmel und Erde und Fixsterne und Kometen,

2) darauf das Wasser, welches die ganze Erde bedeckte und in die Tiefen der Erde stieg und durch himmlischen Wind, der es durchdrang, wie der Geist den Leib, in die Höhen getrieben wurde, damit sich Wolken bildeten. Darauf schloss Ormuzd dieses Wasser ein und gab ihm die Erde zur Grenze.

3) Danach entstand die Erde. Hier war Ahriman mit beteiligt, wie auch beim Wasser. Denn diese Elemente enthalten schon Finsternis, und Finsternis kommt von Ahriman. Albordj wurde zuerst geboren, darauf die übrigen Gebirge der Erde. Albordj ist der Kern, die Wurzel, das Herz und der Nabel der ganzen Erde.

4) Ferner wurden Bäume aller Art geschaffen. Anfangs ließ Ormuzd nur einen Baum entstehen, der war dürr. Aber der Amschaspand Amerdad, dem Ormuzd die Bäume anvertraut hat, setzte den Keim dieses Baums in Taschters Wasser, als Taschter über die ganze Erde Regen ausgoss. Und da wuchsen Bäume auf der Erde, wie Haare auf dem Haupt des Menschen.

5) Fünftens wurden die Tiere erschaffen. Zuerst wurde ein Stier gebildet. Dieser starb, und aus seinem Schwanz gingen fünfzig Gesundheit gebende Pflanzen hervor, die sich auf Erden vermehrten. Die Izeds brachten den Samen dieses Stiers in den Mondhimmel, durch dessen Licht wurde er gereinigt, so dass Ormuzd einen neuen schönen Körper daraus bildete, den er belebte. Hieraus zeugte sich ein neues Paar, das wurde Vater und Mutter aller Tiergeschlechter, die auf Erden sind, der Vögel in den Wolken und der Fische im Wasser.

6) Endlich wurden Menschen erschaffen. Das geschah wie folgt: Nach den Zendbüchern stammt der Keim zum ersten Menschen auch vom Stier. Das Parsensystem lässt nichts aus nichts entstehen. Alles muss vorher Keim und Samen seines Werdens haben. Der erste Stier ist ihnen ein wichtiges, hohes, vielsagendes und heiliges Bild. Er enthält den Keim und Samen von allem was unter dem Himmel lebt und wächst. Alle Arten von Geschöpfen haben ein Erstes, Oberstes, einen Mittelpunkt, worin sich alles vereinigt und woraus, wie aus dem Mittelpunkt, alles ausgeflossen ist. Menschen haben Kaiomorts, Berge haben Albordj, Wasser haben Arduisur oder Bordj der Wasser usw. So ist wieder von allen Geschöpfen, die entweder wie Pflanze oder wie Tier oder Mensch leben, der erste Stier der gemeinsame, grundlegende Ursprung. Wie Ormuzd mit seinen Himmelswesen Geschöpfe mannigfaltigen Lebens auf Erden entstehen lassen wollte, so musste er, nach der Meinung der Parsen, zuerst ein Geschöpf haben, worin er den Samen alles Lebendigen zur Fruchtbarwerdung und Entwicklung niederlegen konnte. Dieses Ideal der Allentwicklung nennen sie Stier. Den Urvater des Menschengeschlechts nennen sie Kaiomorts. Er war lichtglänzend, mit den Himmel anschauenden Augen, rein durch seinen Feruer, er lebte noch dreißig Jahre nach dem Tod des Stieres. Ahriman brachte ihm den Tod.

Und als er starb, weissagte er den künftigen Triumph des Menschengeschlechts über Ahriman. Beim Sterben ließ er seinen Samen zurück, den die Sonne reinigen musste, und von dem Neriosengh zwei Teile, und Sapandomad den dritten aufbewahren mussten. Aus diesem Samen wuchs ein Baum aus der Erde (Reivas). Der war ein Zwitter, anzusehen wie ein einziger, und es waren doch zwei, innigst miteinander vereinigt. Ormuzd bildete den Baum zum Doppelmenschen, und so trug er statt Früchten, zehn Menschenpaare. Das erste Paar waren Meschia und Meschianeh, die Stammeltern des ganzen Menschengeschlechts.

Sie waren anfangs rein und unschuldig. Den Himmel sollten sie erlangen, wenn sie rein waren in Gedanken, rein und demütig im Herzen, rein in ihren Taten. Anfangs taten sie das und erkannten Ormuzd als den einzigen Schöpfer aller Dinge, sie beteten auch keine Dews an. Sie lebten aber schon in dem Jahrtausend, in dem Ahriman Gewalt hatte, Böses ins Gute zu mischen, und so wurde zuerst Meschianeh, die Frau, und darauf Meschia von Ahriman, der sich ihrer Gedanken und Begierden des Herzens bemächtigt hatte, verführt und beide wurden Darvands (böse, Sünder). Doch vermehrten sie ihr Geschlecht durch Zeugungen. Als Ormuzd alle Schöpfung vollendet hatte, feierte er der Schöpfung zu Ehren mit den himmlischen Gahanbars (1).

—————————————————

1- Gahanbars – die sechs heiligen, durch Ormuzd gesetzten Jahresfeste; Ormuzd feierte Gahanbars nach Vollendung der Wesenschöpfung und die Menschen müssen sie zur Ehre der Schöpfung nachfeiern. Gahanbars sind also die eigentlichen im Lauf eines Jahres verteilten Schöpfungsfeste, weil im Lauf von 365 Tagen alle verschiedenen Wesen nach und nach hervorkommen. Djemschid soll die Gahanbars eingeführt haben (Siehe Izeschne Ha 1).

 

Ulrich Hannemann (Hrsg.), Das Zend-Avesta

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: