Ormuzd und Ahriman

Ormuzd und Ahriman

“Ein Teil des Avestas”

Aus göttlichem und ewigem Samen zeugte der Unendliche, Anbeginnlose Ormuzd und Ahriman, sein erstes Volk, sein Reich, zweite Wesen nach ihm, lebendig, wirkend, schaffend, Ursprung aller Geschöpfe.

„Ormuzd“, aus ewigem Samen des Unendlichen gezeugt, Erstgeborener aller Wesen, Glanzbild und Gefäß der Unendlichkeiten des Unergründlichen und aus ewigem Licht geboren und immerfort Licht an sich ziehend, wohnend im Urlicht, dem Thron der Ewigkeit, vom Anbeginn an. Er ist durch und durch gut, rein und Quell, Wurzel alles Guten. Der Himmlische der Himmlischen hat fast alle Herrlichkeiten, Eigenschaften des Unendlichen, denn er ist Urabdruck seines Wesens, worin das Wesen des Ewigen allein sichtbar wird. Seine Weisheit und Einsicht ist unermesslich in Weite, Höhe, Tiefe, ebenso seine Macht, tätiger Geist (Wille) unbegrenzbar heilig bis zur Wurzel des Wesens. Er ist Erster und Erhabenster im Wissen und Verstehen und Wirken des Reinen und Guten. Darum ist er selbst die höchste Weisheit, schlaf los Tag und Nacht, darum ist er höchster Weltrichter, König aller Wesen in reinster Gerechtigkeit, Güte, Licht und Glanz. Sein Körper, das heißt seine Hülle, die umschließende Sphäre, ist reinstes Licht.

Ormuzd hat die ganze reine Welt aus sich geboren durch allschaffendes Wort, den Himmel und was darin ist, Licht, Feuer, Wasser, Sterne und Sonne. Er liebt sich in seinem Volk; Menschen, die durch ihn geschaffen wurden, sind sein geliebtes Geschlecht. Er als König ist gut und weise und lebendig über alles.

Er stärkt, nährt, erhält alle Wesen, gibt ihnen geistiges Lebensfeuer, wodurch sie fortbestehen und leben. Dem Menschen, der ihn bittet, gibt er Lichtsamen zur Reinheit des Gedankens und Reinheit des Herzens oder tätigen, wirkenden Geistes und Willens. Gnade und Liebe sind seine Freude. Er ermüdet nie, der ganzen Natur, der sichtbaren und unsichtbaren Welt, wohl zu tun. Er bekämpft durch seine und seiner Diener Kraft alles Böse, Tag und Nacht, bis zum endlichen Triumph des Guten über das Böse.

„Ahriman“, geschaffen vom Ewigen nach Ormuzd, war anfangs gut und kannte das Gute, wurde aber durch Eifersucht gegenüber Ormuzd zum Dew (1) , böse, Quell, Grund und Wurzel alles Unreinen, Argen, Bösen. Sein Licht wandelte sich in Finsternis. Im Lichtreich der Schöpfung entstand Schatten. Die Zerrüttung seines Wesens aus Licht in Finsternis kam nicht vom Ewigen, sondern aus und durch ihn selbst. Durch ihn wurde die Finsternis geboren, der Same alles Bösen, Argen, des Todes. Sobald er zum Dew wurde, stürzte er aus der Höhe und wurde vom Abgrund der Finsternis verschlungen, er wurde bis auf die Wurzel des Wesens böse. Ormuzd ist im Wesen Licht und wohnt im Lichtreich, höher als die Himmel, und Ahriman ist im Wesen Finsternis, das heißt Laster, Zerrüttung, Argheit selbst, und seiner Wohnung Sphäre, alles was ihn umhüllt, ist Finsternis der Finsternisse. In Duzakhs (2) Tiefen ist sein Thron, so weit Finsternis reicht, so weit ist er König, grausamer Gewaltherrscher. Seine Kenntnis ist groß, aber durch Finsternis beschränkt. Seine Macht, als der Zweite nach Ormuzd, ist ausgedehnt, reicht aber nicht bis zu Ormuzds Erhabenheit in Licht und Glanz.

Die Wurzel aller seiner Neigungen ist ewige Grundfeindschaft gegen alles Gute, das durch Ormuzds Herrlichkeit erzeugt wird. Er, als mächtig wirkendes Wesen, als symbolisierte Finsternis, befindet sich im beständigen Kampf gegen das Licht, wenn und so weit es ihm zugestanden ist. Durch ihn entsteht alles Böse.

Wie nichts Reines, Gutes, Seliges in der Welt sein kann, ohne aus Ormuzds Lichtquell zu fließen, so steigt der Grund alles Bösen von Ursache zu Ursache bis in seinen Abgrund. Sein Sinnen und Dichten erschöpft sich in beständigem Streben und Wirken zur Erweiterung seines Reiches. Darum vergiftet er mit seinen Dews die ganze Natur, Pflanzen, Tiere und Menschen durch Krankheiten, Seuchen und Plagen. Und besonders streut er Samen zu unreinen Gedanken, dunklen Begierden in das Herz der Menschen, wodurch sein und das Reich der Dews an Umfang und innerer Macht zunehmend größer wird. Er durchstreift die Welt, um überall Irrtum, Tod und Laster auszustreuen; denn hierauf ist er stets bedacht, und er ist der Einzige, der unter den Izeds (3) im Himmel erscheinen darf. Wo er einen Menschen findet mit großer Kraft und Heldeneifer für die Vermehrung des Guten in Ormuzds Lichtwelt, dem ist er todfeindlich gesonnen. Der bloße Gedanke oder Anblick desselben macht ihn blassgelb. Er wagt alles gegen ihn, vermag aber nichts, denn der Streiter für das Gute gehört zu Ormuzds geliebtem Volk, er hat für sich allen Schutz der Licht-Izeds.

Das Bild seines Wesens ist der Schlangendrache. Der Ewige hat ihn zur Dauer in Ewigkeit der Ewigkeit geschaffen, er soll aber nicht immer Grundfeind des Lichtes, Bekämpfer des Guten, König der Finsternis bleiben, sondern nach der Totenauferstehung wird er von Ormuzd bis zur Ohnmacht geschlagen, sein Reich bis auf die tiefste der Grundfesten zertrümmert. Er selbst wird ausgebrannt in feurigen Metallströmen. Er ändert dann seinen Sinn und Willen, wird heilig und himmlisch und begründet in seiner Welt Ormuzds Gesetz, Wort, wodurch alle Wesen geschaffen wurden. Er wird auf ewig der Freund Ormuzds sein und beide singen der ewigen Ewigkeit Izeschne (4) , Ruhm- und Lobgesang.

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1- Dew – Dämon, Teufel

2- Duzakh – Aufenthalt der Verdammten, der Freunde der Dews, die Hölle

3- Izeds – die guten Geister, Engel

4- Izeschne – Lobgebet

Ulrich Hannemann (Hrsg.), Das Zend-Avesta

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