Zarathustra und das Geheimnis der deutschen Delegation in Persien

Zarathustra und das Geheimnis der deutschen Delegation in Persien

 

Oktober 1635. In Europa tobt der Dreißigjährige Krieg. Dennoch macht sich in Norddeutschland eine Gruppe von 129 Männern auf den beschwerlichen Weg in eine ferne, nie gesehene Welt. Sie reisen von Travemünde aus über die Ostsee, die Wolga und das Kaspische Meer nach Persien. Erst nach fast zwei Jahren erreicht die deutsche Delegation das Morgenland Persien.

In ihren Reiseberichten öffnet sich der Blick der Menschen in eine unbekannte Welt. Die Persienfahrt erzählt von Sitten und Traditionen, von Herrschaft und Regierung und schließlich von großer Freiheit der Religion und Kunst.

Ausgang und Endpunkt dieser Reise dürfte Schloß Gottorf in Schleswig gewesen sein. Hier betete man für das Wohl und den Erfolg der Gesandtschaft auf dem Weg nach Persien. Hier fand auch vier Jahre später nach der Rückkehr der Dankgottesdienst statt. Die deutsche Delegation sollte den Schah in Isfahan zu einem Bündnis gegen die Türken bewegen. In Isfahan, dem Ziel der Reise, empfing der persische Herrscher die deutsche Delegation. Am Hofe des Perserkönigs herrschte eine äußerst aufgeschlossene Atmosphäre. An seinem Hofe waren italienische Karmeliter-Mönche, armenische Erzbischöfe, jüdische, englische und spanische Kaufleute. Die Holsteiner fühlten sich wohl im Morgenland.

Leider war der Kaufmann Otto Büggemann, der Leiter der Gruppe, nicht geschickt oder diplomatisch genug, den Perserkönig zu überzeugen. Er war zu eigensinnig und verärgerte den Schah sogar. Adam Olearius, der bei dieser Reise als Sekretär tätig war, traf sich mit einheimischen Wissenschaftlern und lernte schnell die persische Sprache. Da sich Otto Büggemann auch den Teilnehmern der Reise gegenüber äußerst selbstherrlich zeigte, scheiterte die Mission recht bald. Adam Olearius trennte sich wegen immer größer werdender Differenzen von Büggemann und reiste der Gruppe voraus. An eine persische Unterstützung im Türkenkrieg war nicht mehr zu denken.

Als Büggemann nach Hause zurückkehrte, wurde er von Herzog Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf für den Mißerfolg der Mission verantwortlich gemacht und wegen groben Amtsmißbrauchs zum Tode verurteilt. Er muß kurz danach hingerichtet worden sein. Dagegen wurde das Ansehen von Olearius bei Herzog Friedrich III. immer höher. Seine Reisebericht von Persien wurde zum Bestseller der Epoche. Olearius beschrieb mit großer Genauigkeit die Menschen, Landschaften, Baukunst und Kultur. Er übersetzte sogar das Werk des berühmten persischen Dichters Saadi „Persianischer Rosenthal“[1], das einen nachhaltigen Einfluß auf viele deutsche Dichter wie Goethe, Rückert und Herder hatte. Die literarischen Fundstücke beeinflußten die Geisteswelt Europas für Generationen. In Persien besuchte Olearius auch Yazd, wo viele Anhänger der zoroastrischen Religion wohnten. Er wurde auf die Kultur der Zarathustrier aufmerksam. Er beschrieb und zeichnete ihre Lebensweise von Bestattungsriten über Feste bis zu der Art, wie sie ihren Alltag bewältigten. Aber welche Aspekte machten den Reiz Persiens aus, von dem Olearius, Goethe, Nietzsche und viele andere deutsche Reisende, Diplomaten, Gelehrte und Dichter sich angezogen fühlten und von dem sie schwärmten?

Es war die Art, wie Menschen verschiedener Religionen und Kulturen friedlich nebeneinander in Toleranz und Respekt zueinander lebten. Vergessen wir nicht, daß zu dieser Zeit Persien und das Osmanische Reich beide islamisch geprägt waren. Persien hatte seine Toleranz und das menschliche Miteinander aus vorislamischer, also zoroastrischer Zeit in die Zeit nach der Islamisierung hinübergerettet und bewahrt.

Viele Besonderheiten und die klare, offene Geisteshaltung der islamischen Mystik in Persien, die in Saadis Buch „Der Rosengarten“ zum Ausdruck kommen, kann man als Einflüsse der alten zarathustrischen Religion oder Philosophie erklären.

Zarathustra, der persische Religionsstifter und Philosoph, hatte viele Jahrhunderte vorher eine revolutionäre Lehre eingeführt: den Glauben an nur einen Gott, den Herrn der Weisheit, Ahura Mazda. Zarathustra lehrte die Menschen, selbst zwischen gut und böse zu entscheiden und die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde rein zu halten. Zarathustra ist mit absoluter Sicherheit der erste Philosoph und Lehrer der Welt gewesen, der von einem intellektuellen Menschenverstand gesprochen hat. Der Intellekt, die Liebe, die Toleranz und die Ordnung der Welt sind die wichtigsten Grundzüge der zoroastrischen Philosophie.

Als er sich tief in sich hinein versenkte, entdeckte er die Urschöpfung. Ja, er verstand sehr früh, daß eine intellektuelle Macht hinter dem universellen Geist steckt und er nannte sie „Mazda“, die „größte Weisheit“. Den Weg zu Mazda findet man, indem man sich selbst findet, sich erkennt und das höhere Selbst in sich entdeckt. Das ist der Weg zur Selbsterkenntnis, das ist aber auch der Weg zur Mazda-Erkenntnis.

Das Selbst ist ein weltanschaulich-psychologischer Ausdruck für das, was der Mensch als höchste Wirklichkeit in sich empfinden kann. Zarathustras Lehre von der Selbsterkenntnis besagt, daß der Geist, die Seele und der physische Körper in einem reibungslosen, harmonischen und freien Verhältnis zueinander stehen sollen. Sie sollen miteinander im Einklang sein.Zoroastrischer Feuertempel in Yazd-Persien – Foto © Aria Homayoun

Die ersten und wichtigsten Grundsätze der zoroastrischen Selbsterkenntnislehre sind die folgenden: Anwachsender Intellekt; gute Gedanken, Worte und Taten; Ordnung, Selbstbeherrschung; Ausgeglichenheit; Unendlichkeit. Wenn ein Mensch diese universalen Prinzipien praktiziert, wächst seine Fähigkeit, sich selbst zu finden und zu erkennen und eine bessere Welt für sich und für seine Mitmenschen zu erschaffen. Am Ende dieses Artikels über das alte Persien und seine Religion des Zarathustrismus möchte ich einen Vers aus „Gatha“, der Hymne des Zarathustra, zitieren:

„Oh Mazda, als Du am Anfang für uns Körper, Leben, Geist und Gewissen erschaffen hast, hast du uns Vernunft geschenkt. Du hast uns Kraft gegeben zum Handeln und Reden, damit jeder seinen ausgewählten Weg in Freiheit aussuchen kann.“  (Gatha, Hymne 31, Strophe 11)

[1] Eine neuere Übersetzung des Buches durch Karl Heinrich Graf trägt den näher am Original liegenden Titel „Der Rosengarten“: Mus)lih$ ad-Dīn Sa’dī: Der Rosengarten. Auf Grund der Übersetzung von Karl Heinrich Graf neu bearbeitet und herausgegeben von Dieter Bellmann. Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig und Weimar 1982

Kontakt zum Autor können interessierte Leser über  vahoomana70@yahoo.com aufnehmen

Redaktion: Frank Becker

http://www.musenblaetter.de/artikel.php?aid=7275

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